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Die Industrialisierungswelle – warum die IT nicht vorankommt

Kategorie: Trends des Monats

Digital Vision | © ThinkstockEs ist kein Geheimnis, dass die Fertigungstiefe in der Automobilindustrie bei lediglich 25 Prozent liegt. Hersteller sind eigentlich keine Hersteller mehr, sondern Inhaber von Plattformen. Gefertigt und entwickelt wird von den Zulieferern, die sich mit ihren Produkten im Wettbewerb behaupten müssen und daher – so funktionieren die Gesetze der freien Marktwirtschaft – besonders gut und kostengünstig produzieren. Darüber hinaus sind sie für die Weiterentwicklung der Komponenten zuständig und realisieren Skaleneffekte, weil sie nicht nur an Porsche, sondern außerdem an Audi, BMW oder Daimler verkaufen. Von dieser Rollenverteilung profitieren alle: Die Automobilhersteller, weil sie sich auf ihr Kerngeschäft, nämlich die Entwicklung neuer Modelle, konzentrieren. Die Zulieferer, die mit ihrer Spezialisierung – weitgehend – gutes Geld verdienen. Und die Kunden, die hohe Qualität zu einem günstigen Preis erhalten.

Damit ist die Automobilbranche das Paradebeispiel für erfolgreiche Industrialisierung. Ein Modell, das allerdings nicht von heute auf morgen, sondern in einem jahrelangen Prozess entstanden ist. Heute sind die Kooperationen zwischen Zulieferern und Automobilunternehmen eingespielt. Die Prozesse sind eng verzahnt, auch die IT ist gut verknüpft. Die Lieferkette funktioniert reibungslos.

IT leistet sich 48 Prozent Fertigungstiefe

Der Trend in der IT-Industrie geht ebenfalls in Richtung Industrialisierung. Derzeit liegt die durchschnittliche Eigenleistung von Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz aber mit 48 Prozent deutlich höher als in der Automobilindustrie. Darüber hinaus sinkt sie nicht kontinuierlich, sondern steigt und fällt in Wellenbewegungen.




Wenn man die Daten analysiert, liegt der Schluss nahe, dass die Fertigungstiefe von der wirtschaftlichen Lage abhängt: In einem Tief ist das Geld knapp, die Ausgaben werden straff kontrolliert und es wird stark auf Dienstleister gesetzt. Entspannt sich die Situation wieder, wie in diesem Jahr, geht es nicht mehr um Kostensenkung um jeden Preis, sondern darum, Wachstum zu ermöglichen, unter anderem durch die Entwicklung von Innovationen. Die werden laut den Ergebnissen der IT-Trends-Studie in den meisten Fällen intern entwickelt und nicht an Dienstleister vergeben, so dass die Eigenleistung steigt.

Warum schafft es die IT nicht, analog zur Automobilbranche die Eigenleistung kontinuierlich abzusenken? Meiner Meinung nach spielen folgende Faktoren eine wichtige Rolle:

  1. Automobilhersteller arbeiten langfristig mit ihren Zulieferern zusammen. Langfristig heißt in diesem Zusammenhang nicht „mehrere Jahre“, sondern „Jahrzehnte“. Dadurch bauen die Zulieferer extrem viel Know-how auf, so dass sie sehr gezielt das liefern können, was der Hersteller benötigt. In der IT sind die Outsourcingverträge mit 3 oder 5 Jahren immer noch relativ kurz. Wenn der Vertrag anschließend an jemand anderes vergeben wird, geht viel Expertise verloren.
     
  2. Automobilhersteller leben mit der Abhängigkeit vom Zulieferer, zumindest innerhalb gewisser Grenzen. Der Zulieferer ist allerdings genauso auf den Hersteller angewiesen, da er viele Prozesse speziell für ihn aufgesetzt hat. Aus diesem Verhältnis der gegenseitigen Abhängigkeit entwickelt sich echte Zusammenarbeit. Im IT-Outsourcing geht es immer noch viel zu oft nur um die Kosten und nicht darum, IT-Landschaften optimal für den Kunden zu entwickeln.
     
  3. Automobilzulieferer übernehmen die Verantwortung für Bauteile wie beispielsweise das Brems-, Fahrwerk- oder Sicherheitssystem komplett, von der Entwicklung über die Fertigung bis zur Just-in-time-Lieferung. Wie genau sie das organisieren, muss transparent sein, bleibt aber in weiten Teilen ihnen überlassen, Hauptsache es funktioniert. In der IT wird im Gegensatz zu dieser horizontalen Methode vertikal ausgelagert: Ein Anbieter übernimmt das Application Management, ein anderer das Infrastructure Management und so weiter. Darüber hinaus soll der Dienstleister häufig alles genauso machen wie bisher, nur preisgünstiger. Er hat viel weniger Spielraum bei der Gestaltung der Prozesse und kann damit einen großen Teil seiner Expertise gar nicht einbringen.

Was denken Sie? Welche Hürden sehen Sie für eine höhere Industrialisierung der IT? Ist die überhaupt machbar oder sind 25 Prozent Eigenleistung nur in der Automobilbranche möglich? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.



Bildnachweis Foto: Digital Vision | © Thinkstock
Bildnachweis Grafik: © 2012 Capgemini

 

Über den Autor

Uwe Dumslaff
Uwe Dumslaff
Uwe Dumslaff ist Corporate Vice President und Chief Technology Officer für Capgemini Deutschland und Teil des Capgemini CTO Network Teams. Sein Fokus ist die Digitale Transformation.

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