IT-Trends-Blog

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Träum ich oder bin ich wach?

Kategorie: Trend-Anatomie

Kennen Sie das? Sie lesen eine Studie und entdecken, dass sich die Teilnehmer in ihren Aussagen bei manchen Fragen widersprechen. Ist da etwa ein Fehler passiert? So ein Ergebnis gab es bei unserer Studie „ Application Lifecycle Services in deutschen Banken und Versicherungen“. Die Teilnehmer wurden nach den Gründen für beziehungsweise gegen die Nutzung von Application Lifecyle Services (ALS) in ihrem Unternehmen gefragt. ALS ist kurz gesagt die Auslagerung der Pflege und Wartung der Anwendungen an einen Dienstleister, der sie kontinuierlich weiterentwickelt und die eingesparten Kosten wiederum in die Erneuerung von Altanwendungen steckt. Das erstaunliche Ergebnis der Studie: 66 Prozent der Teilnehmer nutzen die Technologie, um Kosten zu senken, 30 Prozent lehnen sie ab, weil sie Kostensteigerungen erwarten.

Demnach hat also fast jeder (bis auf vier Prozent der Befragten) eine Meinung zu diesem Thema, man könnte auch sagen, die Fronten sind geklärt. Aber wer von beiden Gruppen hat Recht? Die optimistische Mehrheit? Oder die skeptische Minderheit? Oder ist so etwas letzten Endes alles eine Glaubensfrage?

In gewisser Weise haben beide recht. Ob die Potenziale dieses Ansatzes ausgeschöpft werden können, hängt von der Art der Zusammenarbeit mit dem Dienstleister ab. Wer vom IT-Zustand einfach nur linear nach vorne denkt, landet beim klassischen Outsourcing, bei dem es letztendlich darum geht, dass der Dienstleister die gleiche Leistung preisgünstiger abwickelt. Das ist allerdings im Finanzdienstleistungsbereich ein schwer zu erreichendes Ziel, weil Banken nicht vorsteuerabzugsberechtigt sind und somit die Mehrwertsteuer nicht geltend machen können. Denkt man dagegen in Richtung einer Partnerschaft, die das Ziel hat, die Anwendungslandschaft zu rationalisieren und den Aufwand für Wartung, Pflege und Support zu senken, ergeben sich Kostensenkungen in einer anderen Dimension.

Ähnlich verhält es sich mit den Standpunkten zum Thema „Abhängigkeit“: Die einen befürworten ALS deswegen, weil es sie unabhängiger von internen Ressourcen macht (zum Beispiel von dem einzigen Cobol-Programmierer, den sie haben), die anderen fürchten, bei der Pflege und Wartung ihrer Anwendungen auf einen Dienstleister angewiesen zu sein und machen es deshalb lieber selbst. Was ist im Endeffekt gefährlicher?

Im Kern geht es eigentlich nicht um Abhängigkeit ja oder nein, sondern darum, wie man die Abhängigkeit steuert. In den 90er Jahren haben viele CIOs schmerzlich lernen müssen, dass sie die Verantwortung für Projekte nicht aus der Hand geben dürfen, sprich, dass sie es nicht einfach einem Dienstleister überlassen sollten, Architekturkonzepte zu entwickeln, ohne sich selbst detailliert damit zu beschäftigen. Das führt in der Regel zu einer sehr großen Abhängigkeit und – wenn das Projekt scheitert – zu einem noch größeren Scherbenhaufen.

Die Kunst liegt also in der Steuerung – wenn in der IT-Abteilung Projektmanagement-Experten sitzen, die sowohl die technischen als auch die fachlichen Anforderungen verstehen, kann das Projekt im Notfall auch von einem Dienstleister an einen anderen übergeben werden, vorausgesetzt, es wurde auf eine ordentliche Dokumentation geachtet. Mit den internen Ressourcen ist es genauso: Wenn es nur einen Mitarbeiter gibt, der eine bestimmte Anwendung pflegen kann, ist die Abhängigkeit gefährlich hoch – meines Erachtens zu hoch.

Es kann also durchaus sein, dass bei zwei sich scheinbar widersprechenden Ergebnissen trotzdem beide Teilnehmergruppen Recht haben – jede auf ihre Weise – und die Daten valide sind. Es kommt eben immer auf die Perspektive an, aus der eine Statistik interpretiert wird.

Über den Autor

Alfred Aue
Alfred Aue
Dr. Alfred Aue beschäftigt sich mit dem Lebenszyklus von Anwendungen und wie man ihn optimal gestaltet. Dabei interessiert ihn vor allem, wie man nicht nur die Kosten senkt, sondern vor allem den geschäftlichen Mehrwert erhöht. Bei Capgemini ist Alfred Aue Head of Sales der Application Lifecycle Service in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seine Arbeit basiert auf langjähriger Erfahrung, unter anderem bei Siemens Nixdorf, debis Systemhaus und T-Systems.

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