IT-Trends-Blog

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Deutschland im Dornröschenschlaf

Kategorie: Trends des Monats

Es ist morgens um halb fünf und ich stehe mal wieder im Dunkeln an der Ampel und warte. Die Straße ist menschenleer, außer mir scheint um diese Uhrzeit noch niemand unterwegs zu sein. Ich warte und warte, darauf, dass es grün wird. Ich möchte gerne auf die Hauptverkehrsstraße einbiegen, das Problem ist aber, dass die Signalanlage über eine Kontaktschleife gesteuert wird, die mal funktioniert und mal eben nicht.

Wavebreak Media / © Thinkstock

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Langsam werde ich nervös, denn ich muss meinen Zug erreichen, um nach Hannover auf die CeBIT zu kommen. Ich fahre nochmal vor und zurück, um die Kontaktschleife auszulösen, aber leider passiert nichts. Jetzt kann ich entweder warten, bis ein Wagen auf der gegenüberliegenden Seite anhält oder einfach losfahren und darauf hoffen, dass die Blitzanlage defekt ist.

Ärgerlich. Das Problem gibt es jetzt schon seit mehreren Wochen und da dies die einzige Ausfallstraße aus unserem Wohngebiet ist, ist es früh morgens und spät abends immer ein Glücksspiel, ob die Ampel umspringt oder nicht. Ich habe das bereits bei der Stadt gemeldet, die mir aber mittelte, dass die Ampelanlage zu einer Landesstraße gehöre und sie deshalb nicht zuständig sei. Nach dem vierten Telefonat in dieser Sache habe ich dann aufgegeben.

Großbritannien ist in solchen Dingen schon wesentlich weiter. Dort hat der Verein Mysociety.org unter anderem das Portal Fixmystreet entwickelt, über das Bürger Schäden und Ausfälle aller Art melden können, die dann an die entsprechenden Behörden weitergeleitet werden. Im Jahr 2010 waren mehr als 60.000. Das Portal zeigt auch, welche Kommune am schnellsten reagiert.

Das neuste Projekt heißt Fixmytransport.com und listet alle Bus-, U-Bahn-, Bahn- und Fährlinien in Großbritannien inklusive deren Betreiber. Die Nutzer können dort nicht nur Probleme melden und sich beschweren, sondern auch loben.

Seit dem Start im August 2011 sind über die Seite bereits 1.000 Anfragen eingegangen und eine Menge Probleme gelöst worden.

Solche Projekte sind nur möglich, weil Behörden und Unternehmen Daten, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, zur Verfügung stellen und diese dann vernetzt werden. Zum Beispiel die Fahrplaninformationen und Routen von vielen verschiedenen öffentlichen und privaten Bus- und Bahnunternehmen.

In Deutschland gibt es im Rahmen der Open Data-Projekte von Bund und Ländern bereits ähnliche Bestrebungen. Am 6. März wurden auf der CeBIT die Sieger des Wettbewerbs „Apps für Deutschland“ gekürt. Die Vielfalt der Beiträge zeigte einmal mehr, welches Potenzial im Zusammenwirken öffentlicher Daten und privater Ideen und Initiativen steckt. In der Saarbrücken-App (1. Preis in der Kategorie Kommunal-Apps) fand ich dann übrigens auch die von mir so herbeigesehnte Mängelmeldung in Form des Mängelreporters: „Teilen Sie dem Rathaus direkt mit, wenn eine Straßenlampe defekt ist oder wo sie ein Schlagloch entdeckt haben. Wir schaffen Abhilfe“. Leider nur für Saarbrücken und noch nicht für meine Stadt, aber das Beispiel zeigt: es bewegt sich etwas. Der Wettbewerb hat aber auch deutlich gemacht, wie schwer sich öffentliche Stellen in Deutschland mit der Herausgabe „ihrer“ Daten tun. Die Entwickler der Spielplatz-App (Preisträger in der Kategorie Sozialpreis der Stadt Bremen) haben zum Beispiel bei 40 Städten Daten angefragt, aber bislang lediglich von vier Ämtern Rückmeldung erhalten. Bei allen anderen wird der Vorgang noch bearbeitet.

Das ist schade, denn die Verknüpfung öffentlicher Daten birgt großes Potenzial für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Darüber hinaus könnte man auf die Dauer wahrscheinlich Verwaltungskosten sparen, da weniger Anfragen an Behörden gestellt werden, und natürlich auch die Lebensqualität verbessern. Dazu müßte Deutschland aber endlich aus dem Dornröschenschlaf erwachen und sich ein Beispiel an Großbritannien nehmen! Die Technologie für die Verarbeitung der Informationen ist da, jetzt fehlt es nur noch an den Inhalten.

Übrigens: Capgemini hat sich auch am Wettbewerb beteiligt. Die GeoTimeTraveler-App basiert auf Daten des Bayerischen Landesamtes für Umwelt und führt den Nutzer durch verschiedene Zeitepochen und an geologisch und archäologisch interessante Orte. Das wäre doch vielleicht auch für den Tourismus in Bayern interessant?

Über den Autor

Sven Roth
Sven Roth
Dr. Sven L. Roth bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Business und Technologie. Die Grundlage für das Know-how in beiden Disziplinen legte er mit seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und der Promotion in Informatik. Seitdem interessieren ihn die neusten Trends in der IT unter dem Gesichtspunkt, welche Businesstrends daraus entstehen könnten. Bei Capgemini verantwortet er als Vice President den Aufbau und die Ausgestaltung des Bereichs Business Technology in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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