IT-Trends-Blog

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Urlaub im Funkloch

Kategorie: Trend-Anatomie
Jupiterimages | Photos.com | © Thinkstock „Die Cloud ist nicht die Zukunft“ lautet die Überschrift eines vor kurzem auf silicon.de erschienen Artikels. Ich finde, mit dem Zusatz „alleinige“ trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Um zu diesem Schluss zu kommen, habe ich zwar nicht so intensiv recherchiert wie der Forrester-Experte James Staten, um den es im silicon.de-Artikel geht, aber dafür basieren meine Argumente auf praktischer Erfahrung: Nach drei Wochen Urlaub an der deutschen Ostseeküste ist mir wieder einmal klar geworden, was passiert, wenn man so gut wie keine Verbindung zum Internet herstellen kann: Nichts. Ich konnte kaum Mails lesen und natürlich nicht im Internet surfen. Alles dauerte endlos lange. Außerdem hatte ich keinen Zugriff auf Daten und Dokumente, es sei denn, ich hatte sie vor meinem Urlaub lokal gespeichert. Wenn ich ausschließlich mit Cloud-Diensten arbeiten würde, hätten mir auch keine Anwendungen zur Verfügung gestanden, es sei denn, ich hätte zeitweilig mit Sack und Rechner anstatt im Ferienhaus in der Lobby eines Vier-Sterne-Hotels gecampt.

Natürlich ist niemand 12 Monate pro Jahr im Urlaub und in der Regel lassen sich Unternehmen nur dort nieder, wo sie gute Verbindungen ins Netz haben. Darüber hinaus legt jeder Netzbetreiber seine Strecken redundant aus und jeder Cloud-Anbieter betreibt Backup-Rechenzentren, damit Anwendungen und Daten stets verfügbar sind. Im Prinzip kann man das Urlaubsszenario also kaum mit dem professionellen Alltag vergleichen. Dennoch wird einem in so einer Situation so richtig bewusst, wie abhängig die IT heutzutage vom Zugang zum Netz und von Bandbreite ist. Hinzu kommt, dass die Speicherkapazitäten der Endgeräte immer kleiner werden und Daten häufig erst bei Bedarf nachgeladen oder sowieso nur noch online verfügbar sind. Dieses Konzept verfolgen inzwischen immer mehr Softwareanbieter bei den Hilfe-Anwendungen: Anstatt wie früher ein Handbuch als Pdf-Dokument in das Paket zu integrieren, gibt es nur noch Fehlerbehebungs-Tipps im Netz. Wer keinen Anschluss hat, kommt nicht weiter.

Die Cloud-Ära bringt also als Nebeneffekt einen enormen Anstieg des Internet-Datenverkehrs mit sich, der auch vorher schon um 100 Prozent pro Jahr gestiegen ist. Ein Ausfall würde die Wirtschaft heute bereits viel härter treffen als noch vor drei oder vier Jahren. Ich glaube, dass das Internetausfallrisiko mit einer der Gründe sein wird, warum sich Unternehmen vorbehalten werden, ihre geschäftskritischen Kernanwendungen nach wie vor in den eigenen Rechenzentren zu betreiben. Das heißt nicht, dass das Cloud-Konzept für den professionellen Einsatz per se ungeeignet ist, sondern dass man wie bei jeder neuen Technologie sehr genau differenzieren muss, wofür man sie einsetzt und wofür nicht.

Zu dem Schluss, dass nicht alle Anwendungen in die (externe) Cloud wandern werden, kommt auch James Staten, allerdings begründet er seine Einschätzung damit, dass es auch in den kommenden Jahrzehnten Applikationen geben wird, die aufgrund ihrer Individualität Wettbewerbsvorteile bieten und deshalb nicht durch mehr oder weniger generische SaaS-Services ersetzt werden können. Er ist der Meinung, dass die Cloud nicht das alleinige Delivery-Modell werden und dass es auch in 20 Jahren noch Mainframes geben wird. Der ersten These stimme ich zu, bei den Mainframes bin ich mir nicht sicher. Was denken Sie?



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Über den Autor

Thomas Heimann
Thomas Heimann
Thomas Heimann leitet die Erhebung der jährlichen IT-Trends und interessiert sich vor allem für neue Technologien und die Möglichkeiten und Veränderungen, die sie mit sich bringen. Ein Beispiel dafür ist das Thema SOA, zu dem er ein Expertenteam bei Capgemini aufbaute und mehrere Jahre lang Workshops leitete sowie Vorträge hielt, unter anderem für die Computerwoche. Der Diplom-Informatiker berät derzeit Regierungsorganisationen und Behörden in Fragen der IT.

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