IT-Trends-Blog

IT-Trends-Blog

Opinions expressed on this blog reflect the writer’s views and not the position of the Capgemini Group

Macht agile IT Enterprise Architecture überflüssig?

Kategorie: Trends des Monats

iStockphoto (c) Thinkstock

Einst ein revolutionäres Konzept, gibt es heute keine Software-Entwicklung, keine IT-Abteilung mehr, die ihm widerspricht: Agile IT ist in aller Munde, ein IT-Trend, der bleibt − und das ist auch gut so. „Responding to change over following a plan“ ist eine der Grundaussagen, „the best architectures, requirements, and designs emerge from self-organizing teams“ eines der zwölf Prinzipien im Agile Manifesto. Wie passt das zu einer planmäßigen Strukturierung und Entwicklung der Enterprise Architecture, einer der wesentlichen Verantwortungen des CIO? Bedeutet agile IT das Ende von Unternehmensarchitektur als planerischer Aufgabe? Ist Enterprise Architecture in der agilen IT überflüssig?

Die Antwort darauf, bezogen auf die Ebene von Systemen, haben James O. Coplien und Gertrud Bjornvig in ihrem Buch „Lean Architecture“ gegeben: Architektur muss im Ansatz weniger „agile“ sondern vielmehr „lean“ sein. Nicht die schnelle Reaktion auf den Wandel ist entscheidend, sondern seine konzeptionelle Vorwegnahme. Dabei sind „lean“ und „agile“ keine Gegensätze, sondern „Lean Architecture“ ist das Fundament für agile Entwicklung.

Was bedeutet “lean” in diesem Zusammenhang? TOYOTA hat diesen Begriff in den 60er Jahren für die Verbesserung der Herstellungsprozesse geprägt: Ständige Optimierung vermeidet Verschwendung im Sinne überflüssiger Tätigkeiten, Produkte und Wartezeiten. Auf die Softwareentwicklung bezogen heißt das: untersuchen – planen – handeln. Ein Architekt folgt diesem Ansatz, wenn er einen streng am Problem ausgerichteten Lösungsentwurf erstellt. Er genügt den Ansprüchen aller Beteiligten, ermöglicht Designentscheidungen und dokumentiert sie und gibt den Softwareentwicklern damit genau die Vorgaben, die sie benötigen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So vermeidet der Architekt umfangreiche und komplexe Spezifikationsunterlagen, die nur wenige Leute je lesen und fast niemandem helfen.

Um die Unternehmensarchitektur zu entwickeln, muss der Architekt genauso vorgehen. Die Definition der Zielarchitektur ist nur dann wirksam und hilfreich für die Gestaltung der Anwendungslandschaft, wenn sie sich auf wenige, einfach zu verstehende grundsätzliche Aspekte beschränkt. Enterprise Architecture nutzt dem Unternehmen nur dann, wenn sie „lean“ ist. Immer detailliertere Beschreibungen von Services, immer ausgefeiltere Systemkonzeptionen sind Verschwendung und überleben die tatsächliche Entwicklung im Regelfall nicht.

Wie sieht Lean Enterprise Architecture aus? Am Anfang steht die Definition des Ziels, was oft genug vernachlässigt wird. Dieses Ziel gilt für das ganze Unternehmen, nicht nur für die IT und schon gar nicht nur für das Enterprise Architecture Team. Denn der oberste Grundsatz für Lean Architecture ist: „everybody, all together, early on“. Er bedeutet, dass weder die IT auf die genauen fachlichen Anforderungen und Konzepte, noch die Fachseite auf eine detaillierte Spezifikation der Anwendungslandschaft wartet, bevor die Arbeit beginnt. Gemeinsam skizzieren alle Beteiligten die künftige Unternehmensarchitektur mit den wesentlichen Entscheidungen zur Lösung der gemeinsamen Aufgabe.

Der Entwurf der zukünftigen Architektur konzentriert sich auf zwei Bereiche:

Zum einen auf die Beschreibung der „Form“ des Unternehmens als dem statischen Modell des Unternehmens. Sie unterteilt das Gesamtunternehmens in Einheiten mit geringen Abhängigkeiten voneinander, den Domänen. Agile Entwicklung findet dann für jede dieser Domänen in dem so vorgegebenen Rahmen statt.

Zum anderen beschreibt der Entwurf die zukünftige Funktionalität als dynamische Sicht auf das Unternehmen. Die hier definierten Services und Prozesse zeigen, wie die einzelnen Teile des Unternehmens zusammenwirken sollen, und sind damit Realisierungsvorgabe für eine agile Systementwicklung.

Agilität braucht einen Rahmen. Enterprise Architecture als Planungsaufgabe bleibt deshalb notwendig, auch und gerade für die agile IT. Sie muss aber einfache und klare Vorgaben liefern, und darf die Reaktion auf Veränderung nicht einengen. Das erreicht Enterprise Architecture, wenn sie „lean“ ist.

Über den Autor

Oliver F. Nandico
Oliver F. Nandico
Oliver F. Nandico ist Unternehmensarchitekt. Für ihn kommt es nicht darauf an, die Architektur nur zu beschreiben, sondern sie zu verändern. Seine Leidenschaft gehört der Vereinfachung und der Rationalisierung von IT-Strukturen mit Hilfe neuer Technologien. In das Thema bringt er mehr als 20 Jahre Erfahrung ein, die er zum Beispiel in Beiträgen in Objektspektrum publiziert. Bei Capgemini leitet Oliver F. Nandico die Enterprise Architecture Community in Deutschland, ist Mitglied des Arbeitskreises Softwarearchitektur des BITKOM und berät als Principal Enterprise Architect Unternehmen beim Aufbau und der Veränderung ihrer Unternehmensarchitektur.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * gekennzeichnet.