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Industrie 4.0: Chancen und Risiken

Kategorie: Trends am Horizont
Es ist jetzt knapp eineinhalb Jahre her, dass der Begriff „Industrie 4.0“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Seitdem laufen zahlreiche Initiativen, um einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Industrie einzuleiten, dessen Ziel die intelligente Fabrik ist (Smart Factory). Sie zeichnet sich durch Wandlungsfähigkeit, Ressourceneffizienz und Ergonomie aus sowie durch die Einbindung von Kunden und Geschäftspartnern in die Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse. Vom Wandel zur Industrie 4.0 verspricht sich die Bundesregierung, dass Deutschland seine bislang weltweit führende Stellung im produzierenden Gewerbe behaupten und weiter ausbauen kann. Dementsprechend wird das Projekt mit verschiedenen Maßnahmen gefördert. Welche Themen sind für CIOs in diesem Zusammenhang wichtig? Und welche Branchen werden überhaupt betroffen sein?

Security in einer neuen Dimension

Um den Paradigmenwechsel zu ermöglichen, müssen Maschinen und Produkte „intelligent“ werden, sich selbst optimieren und konfigurieren und untereinander interagieren. Dadurch können individuelle Produkte in Großserien produziert und Menschen bei komplexen Tätigkeiten besser unterstützt werden. Soweit die Vision. Für das produzierende Gewerbe und vor allem die CIOs bedeutet das allerdings, technologisch deutlich „aufzurüsten“ und ihre Standorte viel stärker zu vernetzen. Dabei geht es nicht nur um die Kommunikation von Mensch und Maschine im eigenen Intranet, sondern auch um die Öffnung nach außen und die Interaktion mit Kunden und Geschäftspartnern.

Das birgt natürlich Sicherheitsrisiken im Hinblick auf den Datenschutz, den Schutz geistigen Eigentums und vor allem gegen die Manipulation der Produktionssysteme von außen. Dagegen sind die meisten Unternehmen bislang nur unzureichend abgesichert. Der Wurm Stuxnet schärfte das Bewusstsein dafür, wie angreifbar Produktionssteuerungssoftware ist. Wenn jetzt die Systeme stärker vernetzt werden und mit der Außenwelt kommunizieren, steigen diese Risiken. Denial-of-Service-Attacken, die unberechtigte Nutzung von Fernwartungszugängen oder Angriffe auf Standardkomponenten werden mit zunehmender Vernetzung Hochkonjunktur bekommen.

Mehr Bandbreite, neue Standards

Bevor es dazu kommt, muss allerdings die Netzinfrastruktur in Deutschland noch kräftig ausgebaut werden. Darüber hinaus sind die Kommunikations-, Schnittstellen- und Simulationsstandards noch nicht definiert, um über Hierarchie- und Firmengrenzen hinweg Produkte und Ressourcen einheitlich zu beschreiben. All diese Empfehlungen gingen bereits im Zwischenbericht des Arbeitskreises „Industrie 4.0" der Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft an die Bundesregierung und werden im Abschlussbericht, dessen Veröffentlichung für die Hannover-Messe 2013 geplant ist, weiter verfeinert. Bis dahin wird es aller Voraussicht nach auch schon Modellfabriken geben.


CIOs spielen eine wichtige Rolle

Trotz der Probleme, die noch gelöst werden müssen, bietet das Konzept „Industrie 4.0“ viele Chancen, bei deren Umsetzung CIOs eine entscheidende Rolle spielen werden. Das produzierende Gewerbe kann deutlich kostengünstiger und effizienter arbeiten, gleichzeitig eröffnen sich völlig neue Geschäftsfelder für IT-Dienstleister und Softwareanbieter. Um diese Chancen zu nutzen, sollten sie sich aber frühzeitig mit den Themen Sicherheit, Vernetzung und Machine-to-Machine-Kommunikation auseinandersetzen.

Industrie 4.0 und seine Bedeutung werden allerdings erst allmählich bekannt, die Verbandsarbeit von VDMA, ZVEI und BITKOM ist gerade erst angelaufen. Wer deshalb schon einmal mehr erfahren möchte, findet unter den folgenden Links interessante Informationen:

•    Materialsammlung des BITKOM zur Kick-off-Veranstaltung „Industrie 4.0“ am 9. Januar 2013
•    Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 des Arbeitskreises Industrie 4.0, Zwischenbericht Oktober 2012 mit interessanten Use-Cases am Ende des Dokumentes
•    Webseite des Bundesministeriums für Forschung und Bildung zum Zukunftsprojekt Industrie 4.0
•    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Projektträger für das Bundesministerium für Forschung und Bildung: Industrie 4.0
•    Das derzeit größte Projekt in Industrie 4.0 „Intelligente technische Systeme OstwestfalenLippe it's OWL“, bei dem 174 Unternehmen, Hochschulen, wissenschaftlichen Kompetenzzentren und wirtschaftsnahe Organisationen in der Region Ostwestfalen-Lippe kooperieren, um eine neue Generation von Hightech-Produkten zu entwickeln.

Über den Autor

Thomas Heimann
Thomas Heimann
Thomas Heimann leitet die Erhebung der jährlichen IT-Trends und interessiert sich vor allem für neue Technologien und die Möglichkeiten und Veränderungen, die sie mit sich bringen. Ein Beispiel dafür ist das Thema SOA, zu dem er ein Expertenteam bei Capgemini aufbaute und mehrere Jahre lang Workshops leitete sowie Vorträge hielt, unter anderem für die Computerwoche. Der Diplom-Informatiker berät derzeit Regierungsorganisationen und Behörden in Fragen der IT.
4 Kommentare Kommentar hinterlassen
Interessanter Beitrag. Ich finde jedoch, dass zwei Risiken im Kontext mit Industrie 4.0 vernachlässigt werden: 1. Standardisierungsbereitschaft - auch im EDI Umfeld sind wir noch immer von einem einheitlichen Standard entfernt. Der SOA Hype ist aus dem Wortschatz der Experten nahezu verschwunden. 2. Risiko Energiepolitik - eine Konzentration auf Vernetzungstechnologien bedingt die Sicherstellung der Energieversorgung unter Berücksichtigung alle Randaspekte. Abhängigkeit von Energieimporten ist ein grundsätzliches Risiko für die fortschreitende Vernetzung im privaten und geschäftlichen Bereich.
Mit der Standardisierungs- und Normungsbereitschaft haben Sie Recht. Auf dieser Ebene findet gerade ein internationaler Wettlauf statt, beim dem verschiedene Player versuchen, sich durchzusetzen. Das Risiko der Energieversorgung sehe ich allerdings nicht als spezielles Problem von Industrie 4.0 oder habe ich Sie da falsch verstanden?
Sie haben Recht, das Risiko der Energieversorgung bezieht sich nicht speziell auf Industrie 4.0. Energie und Infrastruktur sind allgemeine, vitale Ressourcen. Ich meine aber, dass man Ressourcensicherheit schaffen muss. Gerade für rohstoffarme Nationen, die auf Importe angewiesen sind, ist diese Abhängigkeit ein zusätzliches Risiko bei der Umsetzung von "Revolutionen" wie Industrie 4.0. Im internationalen Wettbewerb können Energieressourcen um so mehr als Druckmittel eingesetzt werden, als sie dringend benötigt werden. Hier hat speziell Deutschland Nachholbedarf. Aktuell werden Sanktionen gegen Russland beschlossen, wohlwissend dass Russland einer der wichtigsten Energielieferanten ist. Was, wenn diese Quelle als Gegensanktion versiegt, wie erfolgt die Umverteilung? Vor Industrie 4.0 sollte Energieversorgung 2.0 und Infrastruktur 3.0 stehen. Industrie 4.0 mit Strom und Datenraten oberhalb der 1 MB/s Grenze macht einfach mehr Spaß und birgt weniger Risiken.
In der Tat hat eine gute und vor allen Dingen gesicherte Energieversorgung Einfluss auf die Wirtschaft und die Digitalisierung und in diesem Zuge auch auf Industrie 4.0. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir das eine tun sollten ohne das andere zu lassen, d.h. dass wir müssen uns auf der einen Seite um die Energieversorgung und die Infrastruktur kümmern, auf der anderen Seite aber durchaus das Thema Industrie 4.0 treiben. Beide Themen werden sich in den nächsten Jahren entwickeln und wir sollten es in Deutschland nicht verpassen, an dieser Entwicklung proaktiv teilzunehmen.

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