IT-Trends-Blog

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Verschläft der Handel die Chancen von Big Data?

Kategorie: Trends des Monats
Die Ergebnisse der IT-Trends-Studie 2015 zeigen, dass Handels-CIOs in diesem Jahr unter anderem auch für die bessere Informationsauswertung und –nutzung sorgen sollen. Dazu gehört das Vorantreiben von Big Data-Projekten, womit die CIOs allerdings noch nicht besonders weit gekommen sind: 60 Prozent der Teilnehmer diskutieren noch, 10 Prozent pilotieren und weitere 10 Prozent haben die Pilotierung eines Big Data-Vorhabens abgeschlossen. Bis zum Regelbetrieb hat es offenbar noch keine Anwendung geschafft. Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sind, sie zeigen, dass die Branche in diesem Bereich deutlich hinter den Finanzdienstleistern und der Industrie liegt. Verpasst sie damit möglicherweise den Anschluss an das digitale Zeitalter und die Chancen, die in der Nutzung der Daten liegen?
 
Dieser Schluss liegt nahe, bei genauerem Hinsehen ist es allerdings nicht ganz so einfach. Denn während der Online-Handel schon seit langem mit Big Data arbeitet, wahrscheinlich länger, als es dieses Wort gibt, sucht der stationäre Handel noch nach geeigneten Nutzungsszenarien. Da wäre zum Beispiel die 360-Grad-Sicht auf den Kunden und die individuelle Ansprache, die im Online-Handel bereits Gang und Gäbe ist. Das Problem ist allerdings, dass der stationäre Handel seine Kunden erst einmal identifizieren müsste. Die entsprechenden Apps verbreiten sich hierzulande aber noch schleppend und mit der App allein ist es ja auch noch nicht getan. Das Gesamtkonzept muss stimmig sein. Alternativ lassen sich Kundenkarten von Drittanbietern wie beispielsweise Payback nutzen. Mit ihrer Hilfe erhält der Händler Daten, mit denen er sein Sortiment besser auf seine Kundschaft zuschneiden kann. Individuelle Ansprache ist aber auch damit nur bedingt möglich.
 
Ein anderes Einsatzszenario für Big Data wäre die dynamische Preisfindung, die im Online-Handel inzwischen an der Tagesordnung ist. Um gleichzuziehen, müssten aber erst einmal die Preisschilder im Ladengeschäft digitalisiert werden und das kostet. Darüber hinaus schreibt der Handel Big Data zwar ein hohes disruptives Potenzial zu, sieht gleichzeitig aber weniger Chancen als andere Branchen, wie die internationalen Studie Big & Fast Data: The Rise of Insight-Driven Business herausfand. Gefürchtet wird vor allem die Konkurrenz von branchenfremden Unternehmen und Start-ups, die mit Hilfe von Big Data Umsatzanteile erobern könnten. Diese Einstellung ist möglicherweise dem Wandel zuzuschreiben, den soziale Medien mit sich gebracht haben: Immer weniger Verbraucher können über die traditionellen Kanäle wie Fernsehen und Print erreicht und müssen stattdessen mobil und über Facebook, Twitter und Co. angesprochen werden. Ein Konkurrent, der sich gut in dieser Welt auskennt, kann dementsprechend Marktanteile gewinnen. Diese Befürchtungen führen aber nicht dazu, die eigenen Chancen zu nutzen, die durch Big Data entstehen, denn die werden als geringer eingeschätzt, als in anderen Branchen. Beispielweise waren lediglich 22 Prozent der beteiligten Händler davon überzeugt, dass Big Data neue Umsatzquellen erschließe. Der Durchschnitt aller Befragten lag mit 27 Prozent deutlich höher.
 
Der Handel ist in Sachen Big Data also nicht blind, sondern lediglich bedacht: Da viele Anwendungsszenarien die Digitalisierung der Ladenflächen voraussetzen, müssen stationäre Händler vorab viel Geld investieren, um von den spannendsten Big Data Use Cases zu profitieren. Gleichzeitig werden die Chancen auf ein Umsatzplus oder die Erschließung von Wettbewerbsvorteilen pessimistischer eingeschätzt, als in anderen Branchen. Dementsprechend wird der potenzielle Mehrwert von Big Data sehr genau geprüft, bevor aus einem Pilotprojekt eine Regelanwendung wird. Big Data wird meiner Meinung nach auch im stationären Einzelhandel kommen, es wird aber möglicherweise noch etwas dauern.
 
 
 

Über den Autor

Fabian Schladitz
Fabian Schladitz
Als Senior Berater im Bereich Big Data Analytics unterstütze ich Kunden in verschiedenen Phasen des Entwicklung von Big Data Projekten – von der Strategie über die Organisation bis hin zur Umsetzung. Gleichzeitig leite ich die Unit Big Data Analytics und entwickle die Mitarbeiter sowie unser Leistungsportfolio in diesem Themengebiet.

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