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Digitale Versicherungsfabrik: Modernisierung erreicht Kernsysteme

Kategorie: Trend-Wende

Wenn Kunden der Generation Y (Jahrgang 1980 bis 1999) eine Versicherung abschließen, nutzen sie – verglichen mit anderen Generationen - nicht nur mehr als zweimal so oft die sozialen Netzwerke und ihr Smartphone, sie suchen den Kontakt mit ihrem Vertreter auch bedeutend häufiger. Damit einher geht eine veränderte Erwartungshaltung an die Kontaktmöglichkeiten des Versicherers, die sich in einer hohen Diskrepanz bei der Kundenzufriedenheit zwischen den Generationen niederschlägt. Zusätzlich dazu nehmen aktuelle Trends der Digitalisierung, wie das Internet der Dinge, intelligente Ökosysteme, Wearables, Connected Cars und autonomes Fahren bereits Einfluss auf die Versicherungslandschaft und ihre Geschäftsmodelle: Weil diese neuen Technologien die Transparenz und die Bewertung von Risiken deutlich verbessern, könnten traditionelle Versicherungsmodelle – die auf dem Prinzip der Solidargemeinschaft basieren - künftig mehr und mehr unter Druck geraten.

Wurden traditionell durch Versicherer nur die finanziellen Auswirkungen von Schäden versichert, sind wir jetzt technologisch in der Lage, Schäden durch Auswertungen von Echtzeit-Daten besser vorherzusehen und zu vermeiden. Das könnte zukünftig zu einer Verlagerung des Versicherungsrisikos vom Gerätenutzer zum -hersteller führen. Gefahr in der Branche droht außerdem von branchenfremden Mitspielern wie Fintechs, die vermehrt in den Versicherungsmarkt drängen und dort Leistungen und Produkte verkaufen. Der diesjährige World Insurance Report (WIR), der 15.500 Versicherungskunden und 150 Führungskräfte aus Versicherungsunternehmen in über 30 Märkten zu ihrem Versicherungsverhalten und Einschätzungen zum Branchengeschehen befragte, bestätigt diese Tendenzen.

Durch den Digitalisierungshype stehen häufig Themen mit Bezug zur direkten Kundenschnittstelle im Vordergrund. Die Klassiker sind hier Lösungen im Umfeld mobiler Endgeräte und digitaler Kanäle, deren bestehende Relevanz auch durch die Studienergebnisse bestätigt wird. „Die Digitalisierung verändert vor allem auch die Erwartungen der Kunden, die künftig Problemlösungen und durchgehende Prozesse über alle Zugangswege (Vertriebskanäle, Medien) erwarten, die sie auch fallweise nutzen möchten. Das Versicherungsunternehmen braucht deshalb eine integrierte und einheitliche Sicht auf die Kunden – produktübergreifend und anlassübergreifend.", bestätigt Prof. Wagner von der Uni Leipzig mit seiner Sicht auf den deutschen Versicherungsmarkt. "Die Assekuranz muss sich auch fachlich neu positionieren, beispielweise die Komplexität aus den Produkten herausnehmen und Prozesse standardisieren sowie Schnittstellen schaffen.“ Diese Herausforderungen sind in vollem Umfang allerdings nur dann zu meistern, wenn Versicherungsunternehmen ihre Kernsysteme, wie Policen- und Schadenmanagement, modernisieren. Bei einem Großteil der Unternehmen laufen die noch auf alteingesessenen Legacytechnologien und kosten Flexibilität und Effizienz.

Nach unserer Wahrnehmung sind Modernisierungsprojekte aktuell von unterschiedlichen Ansätzen getrieben. Jede dieser Herangehensweisen hat im unternehmensspezifischen Kontext seine Berechtigung und wird in der Praxis auch mal im Mix implementiert:

·         Re-Engineering: Die Modernisierung eines Systems erfolgt durch die Neuentwicklung der Funktionalität auf Basis moderner Technologien

·         Portierung: Geeignete Werkzeuge können vorhandene Systeme ganz automatisch in eine modernere Technologie transportieren.

·         Wrap-Around: Im Rahmen einer „SOAfizierung“ wird das vorhandene System durch neu gebildete Schnittstellen um den Kern herum ergänzt. Darauf folgt ein schrittweise Austausch von technischen Schichten (z.B. Oberfläche, Datenbank) und fachlichen Komponenten.

·         Standardsoftware: Eine Standardsoftware-Lösung ersetzt das vorhandene System. Dazu existieren mehrere Möglichkeiten: Die Bandbreite für Standards geht von der Nutzung einzelner Komponenten (z.B. Produktserver) bis hin zur Gesamtanwendung.

·         Sunset-Szenario: Während die Wartung des vorhandenen Systems an Dritte weitergegeben wird, um als temporäre Lösung Risiko und Kosten zu sparen, kann unabhängig davon gleichzeitig eine modernisierte Lösung implementiert werden.

Interessant an dieser Stelle ist, dass Standardsoftware, die vor noch nicht allzu langer Zeit eher im Support-Prozess bevorzugten Einsatz fand, nun vermehrt zur Optimierung und Flexibilisierung von Core-Insurance-Prozessen angewendet wird.

Als Versicherungsfabrik organisierte Kernprozesse bringen die für die Digitalisierung nötige Flexibilität und Effizienz

Das Ziel dieser Modernisierungsprojekte ist die digitale Versicherungsfabrik. Sie ist gekennzeichnet durch:

·         einen hohen Automatisierungsgrad (z. B. Dunkelverarbeitungsquoten von 90 Prozent  im P&C-Privatgeschäft)

·         eine einheitliche Datensicht über alle Kanäle

·         eine hohe Flexibilität für die Aufnahme neuer Versicherungsprodukte, die im Zuge der Digitalisierung entstehen oder noch entstehen werden

Die Modernisierung nicht mehr geeigneter Kernsysteme (Legacy-Systeme) ist eine der Voraussetzungen zur Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie. In den letzten Monaten war zu beobachten, dass sich die Investitionsbereitschaft der Versicherungsindustrie hier wesentlich erhöht hat. Meiner eigenen Einschätzung nach bleiben den deutschen Versicherern noch etwa drei Jahre Zeit, um die notwendigen Maßnahmen umzusetzen. Tun sie dies nicht, laufen sie Gefahr, neuen Geschäftsmodellen und Mitbewerbern schon bald wesentliche Marktanteile zu überlassen.

Über den Autor

Thomas Klein

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