IT-Trends-Blog

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Industrie 4.0: Update zu Chancen und Risiken

Kategorie: Trend Industrie 4.0

Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich den ersten Beitrag über Industrie 4.0 – Chancen und Risiken geschrieben. Damals wurde sehr über das Thema diskutiert, viele Aspekte waren aber noch ungeklärt. Interessant ist, was sich in diesen drei Jahren getan hat. Wurde nur geredet oder ist auch etwas passiert? Wie sieht es mit den Rahmenbedingungen und mit konkreten Projekten aus?

 

Standardisierung

Aufgrund der Vernetzung sind Standards eine wichtige Grundlage für die Umsetzung von Industrie 4.0. Sie sollten am besten nicht nur in Europa, sondern möglichst weltweit gelten. Seit April 2015 gibt es das Referenz-Architekturmodell RAMI, entwickelt vom ZVEI und externen Partnern. Das Pendant aus den USA heißt IIRA und im März 2016 haben die Plattform Industrie 4.0 und das Industrial Internet Consortium eine Kooperation vereinbart, damit die beiden Architekturmodelle zukünftig zusammenarbeiten können. Die beiden Initiativen wollen außerdem bei der Standardisierung kooperieren und gemeinsame Testumgebungen nutzen. Darüber hinaus arbeitet Deutschland mit China im Bereich Industrie 4.0 zusammen, was durch die gemeinsame Erklärung im Januar 2016 bestärkt wurde. Dabei geht es ebenfalls um die Einigung auf Standards. Die sind noch nicht abschließend definiert, aber der BITKOM hat zum IT-Gipfel letztes Jahr siebzehn Handlungsempfehlungen für strategische Fragen der Standardisierung in der Industrie 4.0 erstellt.

Förderung der EU

Eine Übersicht der Europäischen Kommission kommt auf 17 nationale Initiativen allein in Europa; auf EU-Ebene sind es vier, darunter Factories of the Future. Über das 7. Forschungsrahmenprogramm der EU wurden zwischen 2008 und 2013 insgesamt 150 Projekte von Unternehmen und Forschungsinstitutionen zu Themen wie z. B. Informations- und Kommunikationstechnologien in der Produktion gefördert. Auch unter dem neuen EU Förderprogramm Horizont 2020 werden seit 2014 europäische Forschungsvorhaben unterstützt.

Gremien und Forschung in Deutschland

Die zentrale Anlaufstelle ist die Plattform Industrie 4.0. Sie wurde ursprünglich von den Verbänden BITKOM, VDMA und ZVEI ins Leben gerufen und will Antworten auf die Fragen geben, wie Deutschland Ausrüster für Industrie 4.0 werden und seine Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern kann. Darüber hinaus geht es um die Definition von Standards und die Arbeitswelt der Zukunft im Zusammenhang mit Industrie 4.0. Im April letzten Jahres wurde sie um Akteure aus der Politik und von Gewerkschaften erweitert und wird jetzt von verschiedenen Ministerien und Unternehmen geleitet. Auf der Webseite finden sich Informationen zu den laufenden Aktivitäten und Beteiligungsmöglichkeiten sowie eine interaktive Landkarte, auf der alle Projekte in Deutschland gelistet werden.

Wie sieht es in der Praxis aus?

Es gibt bislang nur wenige Studien zum Fortschritt von Industrie 4.0 in Deutschland. Die IT-Trends-Studie ist thematisch nicht speziell auf das Thema ausgerichtet, liefert aber dennoch ein paar interessante Einblicke. Sie zeigt beispielsweise, dass das IT-Know-how in den Führungsgremien von Automobilkonzernen und Unternehmen des produzierenden Gewerbes in den letzten beiden Jahren stark zugenommen hat. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Thema Industrie 4.0 in diesen Branchen angekommen ist und ernst genommen wird. Darüber hinaus hat Digitalisierung als Oberbegriff für Industrie 4.0 einen recht hohen Stellenwert für diese Unternehmen. Sehr viele klagen aber auch über Probleme bei der Umsetzung, bei denen der Fachkräftemangel eine sehr große Rolle spielt. Die IT-Abteilungen dieser Unternehmen arbeiten nach eigenen Angaben aber sehr eng mit den anderen Abteilungen des Unternehmens zusammen und bestimmen darüber hinaus fast allein über das IT-Budget. Diese beiden Faktoren begünstigen den schnellen und vor allem reibungslosen Ausbau von Industrie 4.0.

Eine Untersuchung von McKinsey vom März 2016 verglich den Status quo in den USA mit Deutschland und Japan. Demnach haben 44 Prozent der deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr keine oder nur begrenzte Fortschritte beim Thema Industrie 4.0 gemacht. Die Hürden sind laut der McKinsey-Studie ähnlich wie die für die Digitalisierung:

Fehlende Koordination, zu wenig Mut zur Veränderung, Fachkräftemangel, noch keine klar ersichtlichen Umsatzquellen und Bedenken wegen der Sicherheit. Dass Sicherheitsbedenken Industrie 4.0 hierzulande behindern, fand auch eine Umfrage des eco-Verbandes heraus: Demnach verhindere die Angst vor Diebstahl des geistigen Eigentums durch die Wettbewerber in vielen Fällen den Einsatz von Industrie 4.0-Lösungen.

Fazit: Das wichtigste Thema, die Standardisierung, scheint erstaunlich schnell voran zu kommen, vor allem, wenn man sie mit anderen Vorhaben vergleicht, bei denen es zum Teil Jahrzehnte dauerte, eine Einigung zu erzielen. Die Rahmenbedingungen entwickeln sich meiner Meinung nach also sehr positiv. Bis auf einige wenige Unternehmen scheint die breite Masse aber noch nicht viel daraus zu machen. Viele tun sich schwer damit, neue Wege einzuschlagen oder sehen keine neuen Geschäftsmodelle. Das betrifft übrigens nicht nur Industrie 4.0 sondern auch die Digitalisierung in Deutschland insgesamt. Dennoch finde ich die Bilanz bisher insgesamt positiv. Was denken Sie?

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Über den Autor

Thomas Heimann
Thomas Heimann
Thomas Heimann leitet die Erhebung der jährlichen IT-Trends und interessiert sich vor allem für neue Technologien und die Möglichkeiten und Veränderungen, die sie mit sich bringen. Ein Beispiel dafür ist das Thema SOA, zu dem er ein Expertenteam bei Capgemini aufbaute und mehrere Jahre lang Workshops leitete sowie Vorträge hielt, unter anderem für die Computerwoche. Der Diplom-Informatiker berät derzeit Regierungsorganisationen und Behörden in Fragen der IT.

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