IT-Trends-Blog

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Innovationsdruck oder Investitionsschutz: Legacy ist auch im digitalen Zeitalter keine Altlast

„Disrupt or be disrupted“ hat sich zu einem geflügelten Wort im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Geschäftsmodellen entwickelt. Der Ausspruch bedeutet nichts weniger als der erhobene, pädagogische Fingerzeig in Richtung Unternehmenslenker: Ändert euch zu einem digitalen Business, oder euer Unternehmen endet in der analogen Bedeutungslosigkeit.

Dahinter verbirgt sich natürlich auch das US-amerikanische Anspruchs- und Pionierdenken, das sich aber oft nur schwer mit der Geschäftsstrategie deutscher Unternehmen vereinbaren lässt, die auf besondere und sehr erfolgreiche Weise deutsche Ingenieurskunst und Globalisierung zu vereinbaren wissen.

Von einer schöpferischen Zerstörung á la Schumpeter ist unter den hiesigen Firmen wenig zu spüren. Das belegt auch eine Analyse von 20 Expertengesprächen, die PAC im Auftrag von Capgemini zum Thema „Kundenspezifische Softwareentwicklung in Zeiten der digitalen Transformation von Geschäftsmodellen“ durchgeführt hat.

Eine meines Erachtens bemerkenswerte Erkenntnis aus den Gesprächen war unter anderem, dass die befragten Unternehmen dem Schutz vergangener Investitionen einen höheren Stellenwert beimessen als dem steigenden Innovationsdruck durch die Digitalisierung. Konkret bedeutet das: Frühere Investitionen etwa in homogene ERP-Installationen oder in zentrale fachliche Applikationsplattformen für Banking- und PLM-Lösungen definieren den Rahmen innerhalb dessen die Gestaltung der Digitalisierungsprojekte erfolgen kann. Greenfield-Ansätze, in denen neue, komplett Cloud-basierende Plattformen etwa von SAP, Amazon und Salesforce eingeführt wurden, um den digitalen Wandel mit Nachdruck voranzutreiben, gab es zumindest unter den befragten Unternehmen nicht.

Das Festhalten an bewährten Installationen bedeutet im Umkehrschluss allerdings keinesfalls, dass sich die Unternehmen digitalen Innovationen verschließen. Ganz im Gegenteil, fast alle Befragten machen sich intensiv Gedanken über neue Angebote, Geschäftsmodelle oder Effizienzgewinne auf Basis digitaler Technologien. Viele haben bereits Projekte und Vorhaben gestartet. Keiner hat in einem radikalen Schnitt Investitionen der Vergangenheit über Bord geworfen, um neue Innovationen umzusetzen.

Die Umfrage gibt interessante Einblicke in das geschäftliche Selbstverständnis deutscher Unternehmen, denen Kontinuität ebenso wichtig ist wie Innovation. Der Spagat zwischen beiden ist schwierig, denn er birgt die Gefahr, dass man am Bewährten festhält, sich dem Neuen verschließt, und damit den Zeitpunkt verpasst, rechtzeitig in neue, zukunftsträchtige Geschäftsmodelle einzusteigen. In der Vergangenheit haben viele deutsche Unternehmen bewiesen, dass sie diesen Spagat beherrschen, ansonsten wären sie nicht zu sehr erfolgreichen Nutznießern der Globalisierung geworden.

Für die interne IT ist ein vergleichbarer Weg ebenfalls sinnvoll, denn vielerorts gibt es bewährte Plattformen und Applikationen, die sich nicht einfach über Bord werfen lassen. Wichtig für jeden CIO und IT-Leiter ist jedoch, das Erreichte weiterzuentwickeln und der IT-Strategie eine digitale Agenda zur Seite zu stellen. Die konkrete Ausgestaltung ist sehr unternehmensspezifisch, sollte sich aber streng an den drei strategischen Imperativen der Digitalisierung – konsequente Kundenorientierung, datenbasierte Geschäftsstrategien sowie Agilität und Innovationsfähigkeit – orientieren. Dieser Anspruch, gebündelt mit der Verlässlichkeit und Sicherheit vorhandener IT-Installationen, bildet eine erfolgversprechende Basis für einen von IT-Innovationen getragenen, digitalen Wandel.

Lesen Sie auch meine anderen beiden Artikel im Rahmen der Expertenbefragung von PAC und Capgemini: Plattformen der Digitalisierung und IT versus Fachbereiche.

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Über den Autor

Joachim Hackmann
Joachim Hackmann
Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei dem führenden europäischen Research- und Beratungshaus PAC. Inhaltlich konzentriert er sich auf Themen rund um Application Software, anwendungsbezogene IT-Services sowie IoT und digitale Transformation. Er kann in seiner Tätigkeit als Analyst und Berater aus über 20 Jahren Erfahrung in der IT-Branche schöpfen.

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