IT-Trends-Blog

IT-Trends-Blog

Opinions expressed on this blog reflect the writer’s views and not the position of the Capgemini Group

Blockchain: Die Wundertechnologie für Wahlen?

Kategorie: Digitale Trends

Abstimmungsergebnisse angezweifelt, Berichterstattung verfälscht, Prognosen verirrt. Mit öffentlichen Eindrücken dieser Art mehrt sich ein bürgerlicher Verdacht: Die Demokratie sei in der Krise und das Vertrauen in ihre Funktionen am Schwinden. Wahlen bilden den Nukleus demokratischer Systeme und die bedürfen meines Erachtens einer Auffrischung. Wir leben in der digitalen Moderne und doch folgen Volksabstimmungen noch einer fast vorzeitlichen Methode. Dabei könnten wir Wahlen auch mit Hilfe der Blockchain digital abhalten. Ganz ohne menschliches Zutun in der Auszählung und in voller Selbstregulation durch Technologie. Betrugsversuche und -vorwürfe wären damit passé. Keiner kann das Ergebnis kontrollieren. Das EU-Parlament spielt bereits mit dem Gedanken und untersucht die Tauglichkeit der Bitcoin-Blockchain für digitale Urnengänge. Kann sie das demokratische Fundament neu legen?

Ein mögliches Blockchain-Wahlszenario

Die digitale Wahl könnte in etwa so ablaufen: Der Bundeswahlleiter versendet Wahltokens an registrierte Wahlberechtigte. Das unterbindet Betrug durch zu viele Stimmzettel direkt von vornherein. Wer wahlberechtigt ist, bekommt automatisch einen Token; wer nicht, der nicht. Der Wähler kann mit Hilfe dieses Tokens seine Stimme abgeben. Wie dieser Token zum Wähler findet und wie der ihn dann zurückspielt, ist hochflexibel. Ob ganz traditionell mit Papier und aufgedruckten Codes, die zum Urnengang im Wahllokal berechtigen, oder modern per E-Mail, Webbrowser oder Smartphone-App, beides ist möglich. Zum Einsatz kommt hier eine sogenannte geschlossene Blockchain, die nicht beliebig, sondern nur für Wahlberechtigte einmalig zur Stimmabgabe geöffnet ist. Jeder Nutzer kann die Blockchain hosten, einsehen und auch überprüfen.

So einfach wäre die Blockchain im Wahlsystem integriert. Aber was bringt sie uns nun im Detail?

  • Kein Wahlbetrug, keine Korruption: Stimmen können weder in die Urne hineingeschmuggelt werden, noch unten wieder rausfallen. Jeder Wahlberechtigte hat nur eine Stimme und nur diese zählt.
  • Aufwind für die Demokratie: Mehr Transparenz, verteiltes Hosting und individuelle Prüfung stärken das Vertrauen in systemische Strukturen.
  • Flexibilität für Wähler: eine digitale Übermittlung des Tokens kennt keine geographischen und zeitlichen Hürden sowie individuellen Befindlichkeiten. Egal ob zuhause oder Ausland, morgens oder abends, gesund oder erkrankt, ob via Web, E-Mail oder Smartphone, wählen geht immer und überall.
  • Unabhängigkeit der Auswertung: Jeder Wahlberechtigte mit Blockchain-Zugang kann die abgegeben Stimmen überprüfen, seien es nun Medien oder engagierte Bürger. Die Stimmauszählung läuft ganz ohne Wahlhelfer.

Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär: So leicht wie es klingt, ist es leider nicht. Der Teufel steckt im Detail. Wahlen lassen sich nicht einfach mir nichts dir nichts in digitale Dimensionen verlagern. Sei die Blockchain auch der sicherste Schutz vor Wahlbetrug, der Schutz der Privatsphäre bildet aktuell noch einen Schatten im Licht ihrer vielen Talente. Die Transparenz von Transaktionen – ein Vorteil bei Lizenzvergaben und Finanzabwicklungen – wird zum Nachteil für demokratische Abstimmungen. Denn eine Stimme muss geheim bleiben, so fordert es das Grundgesetz Artikel 38.

Eine Hürde zu groß?

Kann die Blockchain also auch sicherstellen, dass eingereichte Stimmen ihren Gebern nicht mehr zugeordnet werden können? Stoßen wir hier an eine unüberwindbare Hürde? Ja und nein. Technisch lässt sich eine Entpersonalisierung sicherlich umsetzen. Jeder Nutzer hat ein namenloses Nummernkonto, über das der codierte Wahltoken und die Stimmabgabe laufen. Das Konto wird dann inklusive der Wahlinformation an die Blockchain geheftet und steht zur Auszählung bereit, mit namenlosem Zeichengewirr als Absender. Anonymisierung ist somit möglich, aber einen hundertprozentigen Schutz vor Datenspionage kann und wird es im digitalen Raum niemals geben.

Ein ähnliches Datenschutzdilemma besteht im Gesundheitssystem mit der digitalen Patientenakte. Sie bündelt eine Vielzahl an Vorteilen, doch Sicherheitsbedenken haben alle Pläne in Deutschland bisher zerstreut. Millionenhafte Datenlecks im Ausland zeigen, dass diese Zweifel nicht ganz unbegründet sind. Die NASDAQ pioniert nun auf dem Gebiet der Blockchain hat kürzlich eine Onlinewahl für Investoren an der estnischen Börse über sie digital abgewickelt. Zu Parlamentswahlen über die Blockchain ist es bisher jedoch in keinem Land gekommen. Wird die Sicherheitssorge letztlich zum Dealbreaker für eine Blockchain-Bundestagswahl?

Was glauben Sie? Was wird überwiegen: Die Furcht vor dem Dammbruch sensibler Daten oder letztlich doch das Streben nach der Modernisierung unserer Demokratie mit nichtperfekten aber immerhin bestmöglichen Lösungen?

Über den Autor

Andreas Lutz
Andreas Lutz
Andreas ist Software Engineer und derzeit in der Rolle des Business Analysten. Zudem leitet er das Capgemini i*Gov Lab. Seine Steckenpferde sind Digitalisierung, Enterprise Architecture, IT-Strategie und Innovationen.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * gekennzeichnet.