IT-Trends-Blog

IT-Trends-Blog

Opinions expressed on this blog reflect the writer’s views and not the position of the Capgemini Group

Cognitive Computing: Wie kreativ wird künstliche Intelligenz?

Kategorie: Digitale Trends

Die künstliche Intelligenz (KI) ist in zweierlei Hinsicht wichtig: Einerseits können wir mit ihr kollektives Wissen sammeln und nutzen. Andererseits verringert sie die Abhängigkeit von nichtdokumentiertem Wissen, von individuellen (menschlichen) Fähigkeiten und Erfahrungswerten. So sieht es die Capgemini Technovision 2017. Weil kognitive Computer auf kollektives Wissen zurückgreifen, kommen sie auf Ideen und zu Erkenntnissen, die uns als Nutzern und unserem Wahrnehmungsvermögen (noch) unbekannt sind.

Gleich eins vorweg: Ich möchte an dieser Stelle nicht diskutieren, ob und inwiefern die künstliche Intelligenz die Kunst und ihre Objekte bereichern kann. Mein Interesse gilt vielmehr der Frage, inwiefern sie kreative Prozesse unterstützen oder selbst kreative Produkte entwerfen kann. Schon heute können wir mit kognitivem Computing vieles erreichen: Ein KI-System kann für jeden Rechtsfall die passende Rechtsprechung finden oder ausgehend von den Symptomen eines Patienten den korrekten Krebstypus diagnostizieren. Aber kann KI neben der beachtlichen Verarbeitung und Korrelation von Daten auch Probleme lösen, indem es neue, kreative Ideen entwickelt?

Eine dystopische Zukunft

Das Ziel einer „starken KI“ ist es, die Systeme soweit zu entwickeln, dass der Intellekt der Maschine mit dem des Menschen funktional auf gleicher Höhe steht. Die Geschichte wird an einen Punkt gelangen, an dem Computer alle menschlichen Aufgaben übernehmen können – selbst diejenigen, die auf Vernunft, Kreativität und Selbstkontrolle beruhen. Sie werden uns Menschen überflüssig machen. Dieser dystopische Ausblick ist nicht nur eine beliebte Science-Fiction-Vision, sondern ebenso auch ein Gedanke von rationalen Visionären wie Stephen Hawking oder Bill Gates. Natürlich gibt es genug gegensätzliche und weniger radikale Meinungen. Und natürlich auch Zeitgenossen, die ausschließen, dass die Maschine uns Menschen überholt. Von einem technischen und wissenschaftlichen Standpunkt aus, ist aber die Kreativität die finale Grenze der künstlichen Intelligenz. Sie ist der letzte Strohhalm, an den wir uns klammern.

Die letzte Festung der Menschheit

Von hier aus könnten wir nun ganz leicht diverse ethische Dilemmata der Zukunft durchspielen. Viel wichtiger ist jedoch die Frage: Wo stehen wir aktuell und wie kreativ ist die künstliche Intelligenz schon jetzt? Ständig hören wir neue Geschichten von kognitiven Computern, die bei Kreativprozessen mithelfen. Großes Lob wird gepriesen denjenigen, die Filmtrailer konzipieren, Skulpturen geschaffen oder Musik geschrieben haben. In Japan war ein Bot sogar für einen Literaturpreis nominiert. Schauen wir mal genauer hin: Wie können wir einen digitalen Assistenten für kreative Prozesse schaffen und warum bleibt der Mensch unverzichtbar für die gewünschten Ergebnisse?

1.      Inhalte kuratieren

Das Kuratieren, also das Organisieren, von Inhalten bedeutet, dass ein Korpus an Daten angesammelt, aufbereitet und dann von einem Computer untersucht und analysiert wird. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Daten möglichst ergiebig und wahrhaft sind. Bis jetzt können nur die Fachexperten aka Menschen entscheiden, ob Datenmaterial brauchbar und vertrauenswürdig ist. Und vergessen Sie nicht, dass das Kuratieren von Inhalten ein langwieriger und anstrengender Job ist. Fragen Sie doch mal Google was passiert, wenn die Quelle von Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit hin ungeprüft bleibt.

2.      Machine Learning

Was wir lernen müssen ist, die menschliche Wissensdomäne auf den Computer zu übertragen. Obgleich Rechner die Meister der Datenanalyse und -interpretation großer Datenmengen sind, bedarf es immer noch der menschlichen Urteilsgabe, um die Ergebnisse des Computers zu bewerten und in Kontext zu setzen. Wir müssen der Maschine also erst zeigen, welche Schlussfolgerungen wahr und korrekt sind, ihn unterrichten was richtig und was falsch ist, so wie ein Lehrer seinem Schüler.

3.      Ergebnisse auswerten

Einige Hersteller behaupten, ihre Künstliche Intelligenzkönnte eigenständige Entscheidungen über die Brauchbarkeit der vorgeschlagenen Ergebnisse treffen. Andere räumen ein, Resultate müssten immer noch einmal vom Menschen interpretiert werden. Für alles, was in der Bereich des kreativen Denkens fällt, gilt dies mit Sicherheit. Hier brauchen wir den Menschen, der etwas mit den Vorschlägen und Empfehlungen anfangen kann. In letzter Konsequenz gibt der Computer dem Anwender zwar Antworten und Handlungsempfehlungen auf gestellte Fragen, aber immer nur in Abhängigkeit vom ursprünglich zur Verfügung gestellten Korpus. Der Rechner wird nicht in der Lage sein, über seinen Bildschirmrand hinauszuschauen oder um die Ecke zu denken und so originelle und gleichzeitig sinnvolle Antworten zu geben.

„KI funktioniert am besten, wenn sie den Menschen ergänzt und nicht ersetzt, in beiden Fällen kommt es unweigerlich zu ethischen Dilemmata.“ Ron Tolido

Erst wenn die KI das menschliche Element eines Lernprozesses erfüllt, werden Computer kreative Entscheidungen treffen können – wie auch immer diese dann geartet sein mögen. Bis es soweit ist, wird die kognitive Informatik lediglich „Variationen über ein Thema“ identifizieren können. Oftmals hinreichend genug, aber niemals wirklich kreativ. Das bringt uns an eine Grundsatzfrage: Was bedeutet kreativ? Verstehen wir Kreativität als die Entdeckung und Wahrnehmung der Welt auf eine immer wieder neue und originelle Art und Weise, dann hinken Maschinen immer noch hinterher. Sind ihre kognitiven Ergüsse aber eines Tages so neu, so aufschlussreich und so bedeutsam, dass nur sie diese Entdeckungen hätten machen können, werden sie den Menschen vielleicht sogar von seiner letzten Bastion verdrängen.

Welche Bereiche sehen Sie als unbestreitbare Domänen der menschlichen Vernunft und Urteilsgabe?

 

Über den Autor

Reinoud Kaasschieter
Reinoud Kaasschieter
Letztlich ist künstliche Intelligenz auch nur eine weitere Form evolutionären Strebens. Die Trennung Mensch/Maschine ist künstlich und verstellt den Blick auf die Möglichkeiten. Die Frage ist: Was Menschen mit sich und Ihrer Umwelt anfangen, sobald Sie sich der Notwendigkeit der Lohnarbeit, entzogen haben. Davor steht vor allem die Frage einer gerechten Umverteilung. Da kann die KI noch soweit fortgeschritten sein, an der Verteilung der Mittel, ändert es leider wenig. Vielen Dank für Ihren anregenden Artikel. Ich finde Ihre Arbeit sehr interessant. Sebastian Schlösser i do Hamburg

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * gekennzeichnet.