Doppelspitze für mehr Wachstum

| Interview

Capgemini engagiert sich verstärkt im Sicherheitsbereich

Erfolge bei großen und kritischen IT-Vorhaben haben die Aufmerksamkeit hervorgerufen sich verstärkt in der Inneren Sicherheit wie auch in den Verteidigungsbereich einzubringen. Dazu tritt der Public-Bereich von Capgemini jetzt mit einer Doppelspitze an. Neben Marc Reinhardt, der bisher bereits den Public Sector verantwortete, ist Dr. Markus Hellenthal hinzugetreten, der seit Jahrzehnten im Sicherheitsbereich zu Hause ist.

Das Interview führte der Behörden Spiegel (Ausgabe 05/16).

Behörden Spiegel: Capgemini hat in den letzten Jahren im Public Sector enorm an Profil und Visibilität gewonnen. Wie begründet sich die gestiegene Wahrnehmung?

Reinhardt: In der Phase bis 2009 war Capgemini hauptsächlich ein IT-Berater und behilflich bei der Einführung und Entwicklung kritischer IT-Lösungen, meist auf Basis von Individualsoftware.
Das haben wir beispielsweise bei der Bundesagentur für Arbeit mit dem ALLEGRO, der Hartz-IV-Software, erfolgreich getan. IT-Großprojekte dieser Dimension im Zeit- und Budget­rahmen zu liefern, ist ja nicht immer selbstverständlich – wir können das.
Auch beim Bundesverwaltungsamt haben wir mit dem erfolgreichen Umbau der IT-Landschaft in der Inneren Sicherheit dazu beigetragen, dass das Ausländerzentralregister heute das Kerndatensystem im gesamten Flüchtlingswesen werden kann.
Letzteres haben wir auch unter Beteiligung unseres deutsch-sprachigen und sicherheitsüberprüften polnischen Standorts erreicht. Das sind die Dinge, die wir in der Vergangenheit erfolgreich geliefert haben, ohne viel öffentlich darüber zu reden.
Seit dem Ausbau des Beratungsgeschäfts und unserer Präsenz in entsprechenden Branchenforen wird unser bisheriger Erfolg auch eher wahrgenommen.

Behörden Spiegel: Sie treten jetzt als Doppelspitze zusammen mit Herrn Dr. Hellenthal im Publik Sector an. Was wird sich ändern?

Reinhardt: Es gibt neben der digitalen Verwaltungsmodernisierung immer wieder neue Schwerpunkte wie zuletzt die IT-Lösungen im föderalen Asylsystem oder die IT-Konsolidierung des Bundes. Durch unsere Zuschläge bei der Ausschreibung der Rahmenverträge des Bundes sind wir auch bei diesen neuen Themen stark mit unserer technischen und beraterischen Expertise zum Einsatz gekommen.
Für die nächsten Jahre stehen als große Themen die Innere Sicherheit und Verteidigung an.
Das Verteidigungsministerium hat neben dem Management von Großprojekten auch durch das Auslaufen des Projektes Herkules bzw. die Übergabe der BWI alle Hände voll zu tun.
Die aktuelle Sicherheitslage sowie die Knappheit an Personal und Ressourcen in der Inneren Sicherheit lassen ebenfalls mehr Unterstützungsbedarf erwarten. Dafür wollten wir durch die Verstärkung gerüstet sein.

Behörden Spiegel: Sie sprachen von den gewonnenen Losen bzw. den Rahmenverträgen. Welche Themen bedienen Sie hier?

Reinhardt: Die Lose, in denen wir die Bundesverwaltung unterstützen dürfen, sind das Management von IT- und Softwareentwicklungs-Projekten sowie Architektur-, Prozess- und Organisationsberatung, Managementinstrumente und Qualitätsmanagement.
Insgesamt sind wir an sechs Rahmenverträgen als Generalunternehmer oder Unterauftragnehmer beteiligt.

Behörden Spiegel: Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die Themen Innere und Äußere Sicherheit für Capgemini nun neue Handlungsfelder?

Reinhardt: Wir haben die Verteidigung lange beobachtet und sind im Bereich der Inneren Sicherheit schon bislang tätig gewesen.
Die erwartete Marktdynamik verlangt eine schnelle Reaktionszeit. Diese hätten wir mit dem organischen Entwickeln eines Teams nicht bedienen können.
Mit Dr. Markus Hellenthal haben wir jemanden für Capgemini gewinnen können, der uns aufgrund seiner Erfahrung, Kompetenz und internationalen Vernetzung – nicht nur, aber gerade auch – in diesen beiden Bereichen sofort “auf volle Drehzahl” bringen kann. Aufgrund seiner Seniorität und, um gleich hohen Management-Fokus auf Kunden und Mitarbeiter zu behalten, haben wir uns für eine Doppelspitze entschieden. Durch die dahinter liegende Geschäftsverteilung mit klar abgegrenzten Schwerpunktbereichen verdoppeln wir faktisch unsere Wachstumsfähigkeit, ohne die Abstimmungsprozeduren unnötig komplex zu gestalten.

Behörden Spiegel: Herr Dr. Hellenthal, wie wollen Sie das Thema besonders im Bereich der Verteidigung angehen, denn dort sind zahlreiche große Beratungsaufträge und Dienstleistungen zur Ausschreibung angekündigt worden?

Dr. Hellenthal: Nach meiner festen Überzeugung und auch persönlichen Erfahrung ist es naheliegend, dass ein Hardware- und Software-unabhängiges Unternehmen mit einem so ungewöhnlich breiten Fähigkeitsspektrum wie Capgemini die Chance nutzen muss und sie auch bekommen dürfte, bei den Kernthemen unserer Kunden mitzuarbeiten.
Dazu gehört auch das von Ihnen angesprochene Beratungspaket des Verteidigungsminis­teriums. Im Bereich der Äußeren Sicherheit erleben wir eine geradezu atemberaubende Entwicklung.
Das Verteidigungsressort professionalisiert sukzessive die Vorgehensweise auch bei der Beschaffung und beim Nutzungsmanagement.
Die Bundeswehr möchte sich dabei der externen Hilfe in diesen strukturierten Verfahren versichern. Und da bringen wir aus anderen relevanten Marktsegmenten in Deutschland, aber auch anderen Märkten, wie z. B. Frankreich, Vereinigtes Königreich und Schweiz, große Erfahrungen mit. Der Übergang der alleinigen Eigentümerschaft an der BWI auf das BMVg stellt ebenfalls eine neue Herausforderung dar. Zum einen muss die Kontinuität gesichert werden, zum anderen werden Themen wie Mobility, sichere Cloud-Lösungen, die Kooperation mit anderen großen IT-Organisationen des Bundes und die IT-Sicherheit sowie die stärkere Integration von sog. weißer und grüner IT ein großes Potenzial für Dienstleistungen auch für Capgemini erbringen.

Behörden Spiegel: Wenn Sie helfen wollen, diese ja doch so großen Aufgaben zu erledigen, werden Sie ein neues Team im Bereich Innere und Äußere Sicherheit aufbauen?

Dr. Hellenthal: Es ist natürlich so, dass wir in diesen beiden Feldern bislang noch über keine ausgebauten großen Teams verfügen. Wir wollen hier sukzessive hineinwachsen, wir stellen derzeit gezielt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Darüber hinaus haben wir technisch hervorragend versierte, mit querschnittlichen Fähigkeiten ausgestattete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in anderen Segmenten, die wir zunehmend auch für die Bereiche Innere und Äußere Sicherheit einsetzen und da­rüber skalieren. Unser Fokus ist klar auf Wachstum in beiden Feldern gesetzt.

Behörden Spiegel: Das gilt auch für den Bereich der Inneren Sicherheit?

Dr. Hellenthal: Hier sind wir schon etwas länger im Markt tätig und wirken bereits an einigen Projekten mit. Besonders bei der evolutionären Weiterentwicklung auf Basis heutiger technologischer Möglichkeiten sehen wir unsere Kompetenzen und damit Chancen.
Es gibt erhebliche Entwicklungsbedarfe bei der Polizei, wenn Sie z. B. an PIAV, den Polizeilichen Informations- und Analyseverbund von Bundes- und Landeskriminalämtern denken.
Aber auch bei den IT-Fähigkeiten insgesamt und deren Integration über behörden- und Landesgrenzen hinweg bestehen erhebliche Verbesserungsbedarfe. Ich selber habe schon vor Jahren beim Mobility-Projekt der Polizei besonders in Rheinland-Pfalz geholfen, die Dinge voranzubringen. Praktikabilität, Nutzbarkeit im Alltag, behörden- und landesübergreifende Zusammenarbeit, das sind die wichtigen Themen, die für die Innere Sicherheit zukünftig entscheidend sein werden.
Dazu kommen BSI-zertifizierte, flexible Private-Cloud-Fähigkeiten der Polizei, die u. a. mobile Arbeitsplätze, aber auch z. B. eine breite Palette forensischer IT zur Verfügung stellen. Auch glauben wir, dass virtuelle mobile Lage- und Einsatzsteuerungskompetenzen an Bedeutung gewinnen werden. Die Diskussion um die E-Akte hat auch die Innere Sicherheit erreicht, was ein Treiber sein wird für die dringend gebotene Vereinheitlichung bzw. behörden- und länderübergreifende Harmonisierung der Vorgangsbearbeitung sowohl in den allgemeinpolizeilichen wie den kriminalpolizeilichen Tätigkeitsfeldern, auch unter Einschluss einer nahtlosen Zusammenarbeit mit der Justiz. Alles in allem also ein erhebliches Potenzial.
Unsere Kompetenz wird auch darin bestehen, die Kostenseite dabei zu begutachten, denn nicht alles Neue muss auch zwingend teurer werden.
Es kommt darauf an, dass man diesen Transformationsprozess so gestaltet, dass man die vorhandene Infrastruktur in neue Lösungen übergehen lässt, was sicher und wirtschaftlich geschehen kann.

Behörden Spiegel: Capgemini ist ja ein französisches Unternehmen. Welche Erfahrungen kann das Unternehmen aus dem Heimatmarkt nach Deutschland mitbringen?

Dr. Hellenthal: In Frankreich ist Capgemini schon seit vielen Jahren in diesen Segmenten stark unterwegs.
Mit unserer breiten technologischen, prozessualen und transformatorischen Expertise, meinen persönlichen Erfahrungen sowie dem Zurückgreifen auf Erfahrungen von Capgemini auch in Frankreich wird es uns gelingen, die Sicherheitsbehörden mehr als bisher zu unterstützen.
Aber eines ist uns auch sehr klar: eine Übertragung eins zu eins von französischen Sicherheitsbehörden auf deutsche wird nicht möglich sein.
Dennoch gibt es Anregungen, die man sich genauer anschauen muss und dann auch deutschen Behörden vorschlagen kann. Wichtig dabei scheint mir aber, dass nicht nur schnell und technologisch sicher entschieden und umgesetzt werden muss, sondern dass auch immer die wirtschaftliche Vorgehensweise im Blick bleiben muss. Auch hierzu haben wir Expertise, das mit unseren Kunden optimal umzusetzen.